«Die Schweiz ist meine zweite Heimat» – Interview mit Enayat Rahimi 
Herr Rahimi, stellen Sie sichbitte kurz vor.
Ich heisse Enayat Rahimi und komme ursprünglich aus Afghanistan. Seit August 2022 lebe ich in der Schweiz und lerne seither Deutsch. Im August 2025 habe ich meine Ausbildung zum Assistenten Gesundheit und Soziales EBA begonnen.
Wie sah Ihr Leben in Afghanistan aus?
Es war ein einfaches und schönes Leben. Als ich jünger war, wohnten wir in einem Dorf und hatten einen Stall mit einigen Tieren. Am Vormittag ging ich zur Schule, am Nachmittag half ich meinen Eltern mit den Tieren. Als ich zwölf Jahre alt war, hatte mein Vater einen Unfall und konnte nicht mehr arbeiten. Deshalb zogen wir vom Dorf in die Stadt. Auch dort besuchte ich am Morgen die Schule und arbeitete am Nachmittag in einer Näherei.
Weshalb haben Sie Afghanistan verlassen?
Ich habe Afghanistan aufgrund des Krieges und der Unsicherheit verlassen. Ich sah dort keine Zukunft. Als der Krieg begann, entschied meine Familie, mich nach Europa zu schicken. Diese Entscheidung fiel meinen Eltern sehr schwer.
Wann begann Ihre Flucht und waren Sie allein unterwegs?
Meine Flucht begann am 5. August 2021 mit 15 Jahren. Zusammen mit meinem damals 16-jährigen Bruder floh ich zuerst in den Iran. Dort fanden wir jemanden, der uns nach Istanbul brachte. In Istanbul hatten wir kein Geld mehr für die Weiterreise und beschlossen, zu bleiben und zu arbeiten. Nach neun Monaten fand mein Bruder jemanden, der ihn mit dem Schiff nach Italien bringen konnte. Aus finanziellen Gründen fuhr er allein. Danach war er eine Woche lang nicht erreichbar. Als er sich meldete, war er in Griechenland: Das Schiff war defekt gewesen und die griechische Küstenwache hatte ihn mitgenommen. Später, als ich genug Geld hatte, fuhr ich selbst mit dem Schiff von der Türkei nach Italien und reiste von dort aus weiter in die Schweiz.
Haben Sie auf der Flucht einen besonders prägenden Moment erlebt?
Die Woche, in der mein Bruder unerreichbar war. Wir wussten vor seiner Abreise, dass das Schiff defekt war und hatten grosse Angst, ihn zu verlieren. Das war für mich und meine Eltern eine sehr schwere Zeit. Auf meiner Reise nach Italien war das Meer sehr unruhig, die Wellen waren hoch, das Wasser pechschwarz. Wir waren 43 Personen an Bord, jeder konnte nur zusammengekauert sitzen. Darunter waren kleine Kinder, Familien und ältere Frauen. Die Flucht war für mich gesundheitlich sehr schwierig und hat an meinen Kräften gezehrt.
Wie war es, in einem neuen Land mit einer neuen Sprache ganz neu anzufangen?
Am Anfang war es schwierig: neue Sprache, neue Gesellschaft, neue Kultur, alles von null und ohne Familie. Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben, die Sprache zu lernen. Von 8 bis 16 Uhr war ich in der Integrationsschule, und am Abend lernte ich jeden Tag zwei bis drei Stunden zusätzlich Deutsch. Mein Ziel war es, mich so schnell wie möglich zu integrieren.
Was machen Sie aktuell beruflich?
Ich absolviere eine Ausbildung zum Assistenten Gesundheit und Soziales EBA in einem Altersheim und bin im zweiten Lehrjahr. Einen Tag pro Woche besuche ich die Berufsschule, an den übrigen Tagen arbeite ich auf der Station.
Beschreiben Sie Ihre Lehrzeit in drei Worten.
Geduld, Verantwortung, Respekt. Mit älteren und kranken Menschen zu arbeiten, braucht viel Geduld. Wir tragen Verantwortung: Wir schauen, dass die Bewohnerinnen und Bewohner ihre Medikamente zur richtigen Zeit nehmen, achten auf ihre Gewohnheiten und allfällige Krankheiten. Zudem müssen wir jeden Menschen, unabhängig von Herkunft und Religion, respektieren. Die älteren Menschen haben in den vergangenen Jahren viel für die Schweiz und ihre Familien geleistet und verdienen deshalb vollen Respekt.
Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
Ich trainiere viermal pro Woche Volleyball und gehe zusätzlich ins Krafttraining. Insgesamt mache ich bestimmt siebenmal pro Woche Sport. Dabei kann ich den Kopf ausschalten und Stress abbauen.
Was sind Ihre Pläne und Wünsche für die Zukunft?
Im Sommer 2027 schliesse ich meine aktuelle Ausbildung ab. Danach möchte ich unbedingt eine Ausbildung auf Stufe EFZ machen, entweder als Fachmann Gesundheit oder als Automechaniker. Mein Wunsch für die Zukunft ist, eines Tages selbständig zu sein und für mich selbst zu arbeiten.
Was bedeutet Ihnen die Schweiz mittlerweile?
Die Schweiz hat für mich eine besondere Bedeutung. Sie ist für mich meine zweite Heimat. Ich wünsche mir für immer hier leben zu dürfen. Die Schweiz hat mir Hoffnung auf ein neues Leben und neue Ziele gegeben. In Afghanistan hatte ich keine Perspektiven. Hier habe ich gelernt, dass man sich Ziele setzen und sich etwas aufbauen kann. So viel Unterstützung und Respekt, wie ich sie hier von der Schweiz und ihrer Bevölkerung erfahren habe, kannte ich vorher nicht.
Was raten Sie anderen jungen Menschen mit einer ähnlichen Geschichte?
Integriert euch in der Schweiz und verfolgt eure Ziele mit Disziplin. Treibt viel Sport, bleibt auf dem geraden Weg und macht euch nicht von Drogen und Alkohol abhängig. Wenn schon, dann vom Sport. Sucht euch unbedingt einen Verein. So kommt ihr mit verschiedenen Menschen in Kontakt und könnt euch viel besser integrieren.
Asylwesen in Oberuzwil – von der Zuteilung zur Integration
Wer in der Schweiz um Asyl ersucht, wird zuerst vom Bund betreut. Danach werden Asylsuchende den Kantonen und von dort aus den Gemeinden zugeteilt. Wie das im Kanton St. Gallen abläuft, regelt die kantonale Verordnung über die Aufnahme von Asylsuchenden. Sie setzt das Asylgesetz des Bundes um, legt fest, wer wofür zuständig ist und beschreibt, wie die Zuteilung an die Gemeinden funktioniert. Jede Gemeinde nimmt gemäss einem festgelegten Verteilschlüssel eine bestimmte Anzahl Personen entsprechend ihrer Einwohnerzahl auf. Die Gemeinden sind für die Unterbringung und Betreuung der Asylsuchenden zuständig. Wenn nötig, werden sie auch finanziell unterstützt.
In der Gemeinde Oberuzwil leben derzeit insgesamt 48 Personen mit Schutzstatus S und 58 Personen, welche um Asyl ersuchen. Das Sozialamt Oberuzwil- Jonschwil koordiniert die Integration der aufgenommenen Personen und bemüht sich, sie nachhaltig in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Hinter jeder Zahl in der Asylstatistik steht ein Mensch mit eigener Geschichte. Enayat Rahimi zeigt, was möglich ist, wenn Eigeninitiative und Unterstützung zusammenkommen. Wir danken ihm für seine Offenheit und wünschen ihm für seine Zukunft von Herzen alles Gute.